Mrs. Greenbird – Musikshows im Fernsehen, die Maschinerie und back to DIY

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© Manuela Zander

Mrs. Greenbird, von Sarah Brückner und Steffen Brückner 2006 gegründet, spielten die ersten Jahre in kleinen Bars und Cafes in und um Köln und auf Hochzeiten von Freunden. Steffen lief zufällig im Musicstore in Köln in ein Casting der Vox TV Show X-Factor. Wenige Monate später gewannen sie im Herbst 2012 die dritte Staffel der Sendung. Das daraufhin veröffentlichte Debutalbum der Band, zum größten Teil mit eigenen Songs, stieg auf Platz 1 der Charts. Es folgten kräftezehrende Touren und eine Maschinerie, die dem Paar alles abverlangte. Nach zwei Majoralben und teils ernüchternden Erfahrungen mit der Industrie machen sie inzwischen (fast) alles selbst und leben von einer treuen Fanbase.

Was war nach der X-Factor Phase euer größtes Problem?

Wenn du ein „abgelegter“ Majoract bist, dann hast du auf einmal nur noch sehr wenige Freunde im Business. Dann will auf einmal niemand mehr so richtig mit dir arbeiten. Da wird dann gefragt: Wer ist denn das Label, wer ist denn die Booking Agentur, wer ist denn das Management, wer macht Produktmanagement? Und wenn du da nichts hast und die Fragen nicht beantworten kannst, dann passiert nichts. Wir haben da einfach den Fehler gemacht, dass wir gedacht haben, wir müssten das auch allein so machen, wie das ein Major macht. Also dieses breite, wenig zielgerichtete Marketing und die PR, die großen Teams und Kampagnen, Fernsehen, die ganzen Moves, die die machen. Bis wir da gemerkt haben, dass wir all das gar nicht brauchen, das hat eine Weile gedauert, aber das war auch ein guter Moment. Und dann haben wir auch Stück für Stück Leute gefunden, die da wirklich Lust drauf hatten. 

Ihr habt damals gegen viele Widerstände durchgesetzt, dass ihr eure eigenen Songs in der Show spielt und auch auf dem Album hauptsächlich eure eigenen Kompositionen sind. Inwiefern hat das später geholfen?

Erstmal war es schwierig, weil wir dann nur eine Woche hatten, um das Album aufzunehmen. So klingt es dann auch. (Lachen.) Aber klar: So konnten wir das was wir machen zu jedem Zeitpunkt vertreten und das hat uns durch die Zeit getragen und auch an anderen Stellen wie beispielsweise den Tantiemen geholfen. Die Lieder laufen ja auch heute noch immer wieder im Radio und werden live gespielt. Wir haben da intuitiv sicher viele richtige Entscheidungen getroffen. Uns ging es aber einfach nur darum, unsere eigenen Ideen durchzusetzen und dafür einzustehen. Uns ging es nie um Fame, wir hatten nie dieses: Wir müssen jetzt gewinnen. Selbst unsere goldene Schallplatte haben wir in einem Crowdfunding verkauft, weil uns das einfach nicht wichtig ist. 

Die Show ist jetzt fast 10 Jahre her. Wenn ihr zurück schaut: Was überwiegt mehr: Fluch oder Segen?

Ganz klar: Segen. Ohne diese Sache wären wir jetzt vermutlich keine Musiker. Wir hätten uns das vielleicht nie getraut und ob wir so eine große Fanbase allein hätten aufbauen können, steht auch in den Sternen. Aber klar haben wir an manchen Stellen immer noch diesen Stempel, gelten wir vielen Teilen der Branche als „uncool“. Es ist schwer für uns Showcase- oder Festivalslots zu bekommen. Da gelten wir immer noch als Major-Casting-Band. Es gibt da eine sehr gespaltene Wahrnehmung. Aber am Ende lieben wir diesen Job und das fühlt sich heute auch sinnvoller denn je an. Wir geben 150 %, jeden Tag.

Aber es gab auch Zeiten, in denen das nicht so war. Könnt ihr nochmal einen Einblick in das geben, was nach dem Gewinn der Show kam?

Das war schwierig. Wir waren darauf einfach nicht vorbereitet. Es hat uns auch keiner darauf vorbereitet. 

Das war mehr als ein Jahr durchgängig auf Tour, dazu unzählige PR-Termine, ständig Menschen um uns herum, die irgendwas wollten. Und wir mussten funktionieren. Das war ein Höllenritt, eine andere Welt, in der man schnell auch keine Verhältnismäßigkeiten mehr mitbekommt. Am Anfang ist das cool und total unreal. Wir standen damals tatsächlich im Media Markt und haben heimlich Leute dabei beobachtet, wie sie unsere CD kaufen. Um das irgendwie zu verstehen, mit eigenen Augen zu sehen und greifen zu können. Aber wenn du ein Jahr lang jeden Tag mindestens 12 Stunden arbeitest, bis Fünf vor Acht Interviews machst, heute Stefan Raab, morgen Markus Lanz und dann jeden Tag 20:00 Uhr auf die Bühne gehst und zwei Stunden Show spielst, dann wird das sehr schnell gefährlich. Wir konnten irgendwann einfach nicht mehr einschlafen, wir haben das Adrenalin nicht mehr aus dem Körper bekommen. Wir wussten danach: Das machen wir nicht nochmal so, das können wir auch gar nicht.

Habt ihr euch fair behandelt gefühlt, wie sahen diese Verträge aus?

Man muss das wirklich trennen, das ist vielen vielleicht nicht bewusst. Das eine ist das Fernsehen und die Show, das andere ist Musikbusiness. Die TV Show war super, das war eine total gute Atmosphäre und immer freundlich. Die Verträge dafür waren auch harmlos. Aber die TV Show ist dann vorbei und dann kommt das Management, das Label, die Booking-Agentur. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. In diesen Musik-Casting-Shows dreht es sich zwar um Musik, aber das ist Fernsehbusiness, kein Musikbusiness. Das Musikbusiness kommt danach. Ich glaube wir haben da die branchenüblichen unfairen Deals gehabt, die alle Acts auf dem Level haben. Schwierig war einfach, dass wir uns ziemlich allein gelassen gefühlt haben. Wir sollten dann auf einmal 1000er-Hallen spielen, wussten aber gar nicht, was dafür notwendig ist und was es bedeutet, so lang auf Tour zu sein. Es gibt Leute, die bereiten sich da monatelang darauf vor, wir wurden da einfach reingeworfen. Kein Routing, wahnsinnige Strecken zum Fahren, weil da einfach gnadenlos alles mitgenommen wurde was geht. Wir waren irgendwann nicht mehr wir selbst.

Wie denkt ihr heute darüber?

Zurückblickend ist es natürlich zwiespältig. Für die beteiligten Firmen war es leicht: Sie bekommen einen Act, der bereits auf der Überholspur steht, wie so ein Rennauto, das bereits auf vollen Touren läuft, dass du mit der Hand festhältst und einfach loslassen musst und dann rast es los. Keiner musste irgendetwas investieren, es lief sofort und es wurde abgeschöpft was geht. Deswegen gibt es auch keine echte Wertschätzung für dich, du bist dann nur noch der Goldesel. Wir hatten dann Meetings, in denen Zahlen und Umsätze präsentiert wurden, die vollkommen astronomisch waren, außerhalb unserer Vorstellungskraft. Und dann sagt einer in der Runde zu dir „Das ist zu wenig, das muss jetzt aber schon noch mehr werden“ – nachdem du ein Jahr lang jeden erdenklichen Termin wahrgenommen hast, dich selbst dabei vergessen hast. 

Wir konnten es nicht fassen. Zu sehen, wie sich das System verhält, wenn das zweite Album dann nicht mehr den hohen Erwartungen entspricht, ist natürlich ernüchternd. Am Anfang finden es alle super, dass du bist wie du bist, authentisch und dass du deinen eigenen Kopf hast. Ist die erste Welle weg, wird es auf einmal zum Problem. Aber wir möchten die Zeit nicht missen.

Verfolgt ihr aktuelle Formate? Was denkt ihr, wenn ihr das seht?

Wir haben da viel Distanz und verfolgen das kaum. Gleichzeitig glauben wir sowas wird es immer geben, weil Musik die Menschen berührt und dann noch dieser Wettbewerbsgedanke dazu kommt, was die Leute spannend finden. Und wer weiß: Könnten wir da nochmal so blauäugig rein wie damals, wir würden es wahrscheinlich machen.


Links

Mehr zu Mrs. Greenbird via www.mrsgreenbird.com und de.wikipedia.org/wiki/Mrs._Greenbird