Sebastian Cleemann – Älterwerden im Indie und zwanzig Jahre Frosch im Topf

Low Budget High SpiritLong Reads

Sebastian Cleemann war Teil der szeneprägenden Bands Kate Mosh und SDNMT (Seidenmatt), ist der Liveschlagzeuger von Clickclickdecker und spielt und veröffentlicht seit nunmehr 20 Jahren Musik als Petula. Der Berliner ist Vater von zwei Kindern und arbeitet für die renommierte Digital-Agentur TLGG.

15. Oktober 2020

Fast tröstet es ein bisschen, in Coronazeiten auch einfach krank werden zu können, ohne gleich Statistik zu sein. Nach Monaten im Homeoffice, Monaten fast ununterbrochener Text- und Schreibtischarbeit, umspielt von allgemeiner Gleichzeitigkeit – Arbeit, Familie, Schule, Wohnung, Pubertät, Welt im Taumel – fordert der Körper mit Wucht eine Pause. Ich hätte lieber Schlafkrankheit genommen als drei Tage Scheißerei, aber man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Wehmütig und mit leerem Magen storniere ich die in Toby Sieberts Radiobuellebrueckstudio gebuchte Zeit. Gemeinsam wollten wir Skizzen und geschmackvolle Gitarrenfiguren in Petula-Stücke verwandeln. Für ein Album. Für eine EP. Für eine Reihe von Playlist-Pitches. Fürs Gefühl. Egal wofür, völlig unerheblich jetzt: Ich bin krank, hier geht nur noch Bett und Bad. Natürlich werde ich pünktlich zum Ende der geplanten Studiozeit gesund und eröffne mein Homeoffice wieder. Auf der Gitarre an der Wand sammelt sich leise Staub.

2. September 2020

Low Budget High Spirit konkretisieren ihre Anfrage. Es soll im Text weniger um Feels und Launen des Erwachsenwerdens im Business gehen, sondern vor allem ums Business an sich: Wie sind wir Releases angegangen, wie hat sich die Bedeutung von Plattformen und Schnittstellen entwickelt, wie funktionierte Musik damals und wie funktioniert sie heute? Ich bin mir gar nicht sicher, wie viel ich wirklich weiß. Im Rückblick auf zwanzig Jahre Musik werden zwar grobe Muster erkennbar, doch sind Pläne und Zufälle kaum unterscheidbar, sind intensiv erinnerte Phasen oft nur ein kurzes Flackern im Lebenslauf. Die Band Kate Mosh war ein wichtiger Teil dieser Zeit, aber wir haben kaum fünf Jahre miteinander Musik gemacht. Allen war immer klar, dass sich alles verändert. Aber was das wirklich bedeutet, bekam keiner von uns auf den Punkt. Zwischen 2008 und 2013 wurde ich dann Vater, Ehemann, wieder Vater, was Prioritäten und Rahmenbedingungen verschob und die Bedeutung verlässlich bezahlter Arbeit jenseits der Musik deutlich erhöhte. Doch mit Glück und Geduld blieben Freiräume übrig, bleibt bis heute die Musik, die gelegentlich Momente der kleinen Ekstase ermöglicht. Manchmal sogar replizierbar, mitunter sogar vor Publikum, aber eben auch: immer ein wenig am Rand des Geschäfts, selten Gestalter, häufig verwirrt. 

5. April 2010

Das Musikmagazin roteraupe.de veröffentlicht exklusiv die Petula-EP „Minotaur Miniskirt“: Vier neue Stücke, eines davon vom kommenden Petula-Debüt „Elephant Dresses“ (Musikkassette mit Downloadcode). Es ehrt mich sehr, dass diese Veröffentlichung zustande kommt. Zwei Wochen später Albumrelease, dann wieder weitgehend unterm Radar. Den größten Teil der 200 Tapes verkaufe sich ein Jahr später als Support von Clickclickdecker. 

2. Oktober 2005 

Einmal quer durch Amsterdam. Ich besuche eine Freundin, verbringe meinen Geburtstag in der Stadt, schreibe in Cafés eine Hausarbeit in ein Notizbuch. Am Abend des letzten Tages laufe ich ziellos herum, Herz voller Abschied, im Kopf eine Melodie, die ich daheim mit Kratzgitarre und Vierspurgerät aufnehme. „These are all the words I have and need. We’ve met and we will meet.“ Da es kein bedeutsames Outlet dafür gibt, wird „Starbuck“ mein Beitrag zum Community-Sampler des Forums walexplodiert.de. Poweruser Misty kommentiert: „Brauche generell kein Kiffkopp mit Wandergitarre.“

30. Juli 2020

Im Interview mit der Musik/Business/Consulting-Plattform Music Ally spricht Spotify-CEO Daniel Ek über Geld, Musik, wachsende Kuchen, kleinere Stücke, Spotifys Rolle in alldem. Mittendrin sagt er sinngemäß, Künstler:innen sollten sich darauf einstellen, dass es nicht reiche, alle drei bis vier Jahre Musik zu veröffentlichen. Kontinuierlich raushauen, kontinuierlich präsent sein, darum soll es gehen. Dieser kurze Ausschnitt wird in den Tagen darauf häufig kommentiert, meist empört, gelegentlich bissig. „Fox says hens can no longer expect to experience joy unless it fits in with his busy digestion schedule“, fasst es Future Of The Lefts Andrew Falkous auf Twitter zusammen. Ich schmunzle. Aber die Wahrheit wird nicht weniger wahr, wenn sie von einem ihrer unangenehmsten Profiteure verkündet wird. Schau dir den Kosmos an, in dem du lebst und konsumierst. Das tägliche Buhlen um deine Sinne. Die Regeln, nach denen du selbst Aufmerksamkeit verteilst. Die Technologien, die Möglichkeiten, die Veränderung. Es ist recht einfach: Unterhalb einer gewissen und sich stetig nach oben verschiebenden Bekanntheits- und Erfolgsgrenze kannst du dir gern weiterhin Zeit lassen. Wundere dich nur nicht, wenn du immer wieder bei Null anfängst.

30. Januar 2008

Thom ist genervt: „Was ist jetzt, Fernsehen oder was?“ Seit einem Monat sind Kate Mosh im Studio. Es ist kalt, die Stimmung ist angespannt. Jens, ich und die Kamera nerven Thom kolossal. Wir filmen viel, schneiden daheim, laden ab und an einen Zweiminüter auf Youtube. Tagebuch, Teaser, Laienschauspiel, Studioennui, Kurzinterviews – es ist ein bisschen was von allem und also viel zu viel. Genau das Richtige für unsere Instastorys, aber die werden erst acht Jahre später erfunden. Too early adopter. Mit 459 Views in zwölf Jahren wird das so absurde wie überflüssige Theaterstück „Der Stuhl“ das erfolgreichste Video der Reihe.

4. September 2016

Das erste Petula-Album nahm ich über Monate daheim, im Proberaum und in einem Bauernhofschuppen auf. Fürs zweite fuhr ich für eine Woche mit dem tollen Oliver Stangl in eine befreundete Hütte im Erzgebirge. 

Beim dritten soll es wieder anders sein: Kurze EPs, je zwei Songs, immer in anderen Kooperationen produziert. Nach viel Vorlauf und Organisation nehme ich im Frühling 2016 eine Session im Wolvesinsound-Studio mit Earnest And Without You auf, die mich sehr positiv bestätigt. Ich schreibe Mails und Lieder, schmiede Pläne.

Am ersten Septemberwochenende aber sitze ich mit der Familie beim Stadtteilfest, bin dünnhäutig, müde, hasse alles. So will ich nicht sein, doch kann es nicht ändern. Ich gehe zum Arzt, werde für drei Monate krankgeschrieben: Erschöpfung, Verstimmung, Depression. Medikation, Gesprächstherapie, Ruhe und Sport helfen. Mit viel Zeit zum Nachdenken stelle ich fest, dass im aktuellen Modus die Veröffentlichung mehrerer EPs sehr viel mehr Arbeit macht als die Veröffentlichung eines Albums. Ich ahne, dass das etwas bedeutet, bin aber zu erschöpft für Entscheidungen.

Sommer 2007

Kate Mosh sitzen am Ufer des Landwehrkanals und sprechen über Zukunft und Optionen. Es soll weitergehen, doch anders werden, wir wollen etwas probieren. Unentschlossen überlegen wir, statt eines Albums regelmäßig Singles zu veröffentlichen. Das Label ist nicht überzeugt, wir selbst auch nicht ganz. Der Promo- und Rezensionsmarkt will Alben, will Langformate, sieht in einer Single keinen Anlass: „Kommt da noch etwas Richtiges?“ Noisolution macht uns mit Rookie Records bekannt, die einen Testlauf wagen wollen. Thom und ich streiten über die Ausgestaltung, den Rest der Band nervt unsere ständige Reibung, der Aufnahmeprozess wird doch wieder eine Albumproduktion. Wir haben Ideen, wir haben Songs, wir wissen nicht wirklich, was wir tun. Im Sommer 2008 erscheint die erste und letzte Kate-Mosh-Single – der einzige Release der Band, der bis heute nicht digital erhältlich ist.

21. November 2012

Der Vertrieb Indigo teilt dem Label Noisolution mit, dass es einen Fehler im System gegeben hat. „Gegengift“, das Debüt unserer Band UNS, ist nicht in die nötigen Tabellen, Kanäle, Kisten und LKWs gespeist worden, um wie geplant am 22. November 2012 zu erscheinen. Das gerade veröffentlichte Video, die Tour im Dezember, die Pläne fürs nächste Jahr, alles wird mit einem Mal egal. Noisolution-Chef Arne gibt sich optimistisch: Digital steht ja alles! Aber Noisolution ist kein Label mit Digitalrenommee, wir sind als deutschsprachige Band mit Synthieschlagseite ein mutiges Katalogexperiment, die Promophase verpufft. Wer die Band nicht eh komplett ablehnt – die Visions antwortet auf Nachfrage, ihr würde von dem Album schwindlig –, dem fehlt das Argument. Ist ja nur digital. Zum Release im Januar dann: Ist ja schon drei Monate draußen.

19. Februar 2019

„Starbuck“ erscheint als dritte Vorabsingle kurz vor der Veröffentlichung des dritten Petula-Albums „Fuck This Shit“. Nach vielen Jahren ist aus dem Melancholiemoment in Amsterdam etwas Offizielles geworden. Es landet auf Spotifys Kaffeehausmusik-Playlist, einer trotz ihres Funktionalnamens recht charmanten Liste, die es rund anderthalb Jahre lang nicht mehr verlässt und über die es tatsächlich Erlöse einbringt. Wie sehr es die Herzen derer berührt, die im Kaffeehaus dran vorbeigehen: Ich weiß es nicht. Ein bisschen, eventuell?

9. März 2011

Das Zimmer ist voller Betten, Kissen, Decken, voller Kühle und Wärme an den richtigen Stellen. Ich bin für einen Präsenztermin meines Fernstudiums in Stuttgart, doch um das Notwendige mit etwas Angenehmem zu verbinden, habe ich Reiner vom Café Galao angeschrieben. Er gibt mir einen Platz auf seiner Bühne. Der ganze Abend: wahnsinnig schön. Das Einschlafen: schnell und wundervoll. Ich werde wach, als Reiner am Morgen nach Hause kommt und sich an den Rechner setzt. Methodisch geht er seine Mailbox durch, klickt fast jeden Link, hört leise Bewerbungsmusik. Ich frage ihn, wie viele Mails und Anfragen er jeden Tag bekommt. Seine Antwort vergesse ich, doch ich erinnere mich an den Stolz darauf, mit meinem kleinen Kassettenalbum durchgekommen zu sein.

Sommer 2002

Im Gästebuch von petula.de meldet sich Thom, Sänger und Gitarrist von Kate Mosh. Ich habe seine Band schon oft gesehen, bin Fan von ihrem Laut und Leise, ihren Harmonien, ihrem Krach, ihrem Drei-Über-Vier. All das habe wiederum ich ihnen in ihr Gästebuch geschrieben. Zwischen Vierspuraufnahmen und Flash-Animationen findet Thom auf meiner Seite offenbar genug Gründe dafür, mal ein Bier miteinander zu trinken. Wir verabreden uns.

7. April 2004

Die erste Tour mit Kate Mosh, bis heute meine größte Reise: Als Support und Fahrer der US-Band New Black kreisen wir durch Europa, spielen auf einem Indiefestival in Pescara, einer Labelparty in Wien, im Budapester Nightlife, in einem Geldwäscheprojekt in Brescia, im ausverkauften Berlin. Es ist anstrengend und wundervoll und der Beginn von etwas ganz Großem. Am Tresen des Orangehouse in München sprechen wir kurz über Labels, übers Geldverdienen, über den Konkurs der EFA. Wir trinken Bier, es geht uns sehr gut.

13. April 2018

Der Plan steht. Acht Songs, Digitalvertrieb mit gezielter Playlist- und Digitalpromo, dazu Booking für einige Shows rund um die geplanten Touren mit Clickclickdecker. Vinyl in 300er-Auflage, Verkauf via Petula-Bandcamp und bei Konzerten, Release Anfang 2019. 

Eine Frage noch: „Brauchen wir ein Label-Konstrukt für das Ganze?“ Fab, bei dem schon Promo, Booking und Verlagskontakt liegen, verkneift sich ein Augenrollen: „Wenn du darauf bestehst, kann ich im Büro einen Schreibtisch festlegen, der dann der Labelplatz ist. Da rolle ich dann immer rüber, wenn ich das Label bin.“ Es geht ohne. Drei Jahre später ist „Fuck This Shit“ mehr als zwei Millionen Mal gestreamt worden, mehr als 90 % dieser Streams verteilen sich auf zwei Songs. Rund ein Drittel der LPs steht neben den 240 Kate-Mosh-Platten im Keller. Irgendwo lacht ein Rapper.

18. Mai 2004

Über das Fanforum „Saviours of the Underground“ hat die Band Aereogramme Schlafplätze für eine Support-Tour gesucht und ist in meiner Einzimmerwohnung gelandet. Wir hören Musik und trinken Bier, am Morgen mache ich Rührei, wir bleiben in Kontakt. Sechs Monate später sind Kate Mosh Aereogramme-Support. Die Tour ist erhebend und zermürbend zugleich. Ich liebe diese Band sehr, ich bin dankbar für jeden Tag, jeden Abend in ihrer Musik. Doch die täglichen Rituale strengen an, es ist kalt und trist, die Konzerte sind nur okay besucht, wir frieren und sind hungrig. „Why are we doing this to ourselves?“ fragt unser Schlagzeuger Martin wiederholt sich selbst, die Backstage-Wände, uns alle. Er lacht, doch er meint es ernst: Nach der Tour verlässt er die Band und verkauft sein Schlagzeug. Heute betreibt er erfolgreich einen Verleih für Foto- und Videotechnik. Mieten statt kaufen, nutzen statt besitzen: Während wir noch glaubten, unsere Zukunft läge in „noch mehr, noch öfter, noch länger backstage warten“, hat Martin die Veränderung schlicht verstanden.

KW40, 2002

Tonspion.de ist „Hot Site of the Week“ beim Netandmore Surfboard. „Der Tonspion ist ein MP3-Magazin. So wie eine Musikzeitschrift sich den neuesten Platten widmet, haben wir uns ganz den besten MP3s im Netz verschrieben. Zahlreiche Musiker und Plattenfirmen haben mittlerweile entdeckt, dass ein paar verschenkte Songs eine gute Werbung für ihre neuen Platten sein können. Weil das Web aber weit und gute Musik schwer zu finden ist, nehmen wir euch die lange Suche ab.“ Ich bin Teil des Impressums, gestern Praktikant, heute Redaktionsleiter, hole regelmäßig Stapel von Promo-CDs beim Chef ab. Während ich Labelseiten, Bandpages, Promosites nach MP3s durchsuche, laufen parallel Filesharing-Downloads, liefert die „intitle:index.of“-Google-Suche ganze Alben auf privaten Domains. Wir schreiben für eine Musikbusiness-Gegenwart, die schon Vergangenheit ist. 

10. November 2020

Zum wiederholten Mal hat die Zwölfjährige einen Ohrwurm, den sie ständig vor sich hinsingt, der aber nur aus wenigen Zeilen besteht. Sie bittet um Nachsicht, er ginge ihr halt nicht mehr aus dem Kopf. Was ist es denn für ein Lied? Weiß sie nicht. 

Von wem ist es denn? Weiß sie nicht. Woher kennt sie es denn? Von Tiktok. Es ist wirklich gut, sagt sie. 

13. Mai 2007

Aereogramme lösen sich auf. In einem im digitalen Rauschen verschwundenen Myspace-Blogpost geht Bassist Campbell McNeil ins Detail, schreibt über Tourerfahrungen, Wartezeiten, lange Fahrten, leere Räume, leere Kassen und über eine Tour, bei der der Drummer der Vorband immer wieder eine immer wichtiger wirkende Frage gestellt hätte: Why are we doing this to ourselves? Eine Antwort hätten auch sie nicht gefunden. Am Ende der Tour, so Campbell weiter, hätte der Schlagzeuger die Band und die Musik an sich verlassen. Glücklich sei der Mann, der weiß, was er will.

29. Mai 2009

Kate Mosh geben ihr letztes Konzert auf dem Dach des Red-Bull-Busses beim Immergut Festival. Im Herbst 2008 sind wir im Streit auseinandergeflogen, drei Viertel der Band sind neu. Von uns übrig sind Thom und der diffuse Konjunktiv, dass wir all das ein paar Jahre früher vielleicht erfolgreicher und verschleißärmer hätten realisieren können, als das Business in Strukturen und Prozessen geordneter war oder sich zumindest so anfühlte. Vielleicht hätte das auch die persönlichen Spannungen gemildert. Vor allem Thom und ich hatten ineinander so schnell beste Freunde, so schnell Seelenverwandte gefunden, dass wir unsere gemeinsame Basis viel zu sehr als gegeben hinnahmen, sie in der täglichen Routine kaum reflektierten, Konflikte nicht als existenziell erkannten, bis sie uns mit Wucht irreparabel zerrissen. Immerhin: Nach dem Verkauf des Bandbusses stellt der jeweilige Anteil wohl das erste Mal dar, dass wir mit der Band nennenswert Geld verdienen.

23. August 2007

Releaseparty des dritten SDNMT-Albums „The Goal Is To Make The Animals Happy“ im Berliner Lido. Was Startschuss für den Release-, Promo-, Actionzauber sein müsste, fühlt sich eher nach Finale an. Ein DIY-Klassiker: So fertig von der Produktion, dass für den Verkauf kaum Kraft bleibt. Das Album ist toll, bis heute mein Kataloghighlight, aber wir sind müde. Was wir schaffen: eine digitale EP via Finetunes, die so zündet, wie Digitalreleases 2007 eben zünden: Aha, eine Digital-EP. Für Resonanz braucht es noch immer physische Tonträger und Albumlänge. Dass der Trend zur digitalen Kürze geht, hat man wohl gemerkt, doch dass er mittelfristig über „Neu: MP3!“ hinaus Auswirkungen auf Musikkonsum, Musikformate, Musik und ihr Geschäft an sich haben wird, ist noch weit weg. The power of the present tense: Wie es ist, so wird es bleiben.

Sommer 2001

Die Tonwahl, das kurze Modemkreischen, das Rauschen, die Stille der erfolgreichen Verbindung, der zähe Upload von drei Songs. Dann steht das Profil, die Stücke sind online, Petula ist auf virtual-volume.de, einem Musikportal irgendwo zwischen Dotcom-Nachhall und Wink aus der Zukunft, zwischen sozialem Netzwerk und ewigem Bandwettbewerb. Ich habe keine Ahnung, was ich hier will, wofür ich meine Vierspurstücke hochlade. Es ist Anfang und Ende zugleich: Alle Bands aus der späten Schulzeit sind aufgelöst oder für immer pausiert, alle Bandwettbewerbe verloren, alle Proberäume gekündigt. Übrig bleibt eine Handvoll Kassetten, die wir mit Robert und Jens vom Rockmobil aufgenommen haben. Ansonsten bin ich jetzt allein Musik, der Name Petula gefällt mir in seiner zarten Tantigkeit, für die Blues-Farce „Everybody Loves Me (Except My Baby)“ drehe ich die Geschwindigkeit des Vierspurgeräts runter, um trotz Sommererkältung die hohen Töne zu treffen. Später wird auf Virtual Volume jemand „Der Everybody ist klasse“ schreiben. Fühlt sich an wie Platin.

25. April 2021

Dass Frösche, die man in einen Topf mit kaltem Wasser setzt, auch dann im Topf bleiben, wenn man das Wasser über die tödliche Temperatur hinaus erhitzt, solange man es nur langsam genug tut, ist eine alte und langlebige Idee. Die englische Wikipedia-Seite dazu enthält einen „Experiments and analysis“-Abschnitt mit dem schönen Satz „a critical thermal maximum for many frog species has been determined by contemporary research experiments“. Bedeutet also: Wenn es zu heiß wird, springt der Frosch raus. Das hält Coaches und Berater jedoch nicht davon ab, den Boiling Frog als Metapher für Menschen, für Unternehmen, für die Gesellschaft an sich zu verwenden: Wie gehen wir mit radikalen Veränderungen um, die sich so langsam vollziehen, dass die Unterschiede von Tag zu Tag zu Woche zu Monat zu Jahr kaum spürbar sind? 

Wenn alles immer nur Gegenwart ist, ist alles immer wie immer. Der Druck wächst so langsam, dass er sich fast angenehm anfühlt, während aktives Bemühen um neue Prozesse und Konzepte dagegen wie unnötig riskanter Aktionismus erscheint. Irgendwann dann doch durchgezogene Maßnahmen wirken im Rückblick gern wie dramatische Wendepunkte, obwohl sie meist nur logischer Schritt sind, Konkretisierung einer Entwicklung, die in ihrer Komplexität bestenfalls im Nachhinein nachvollziehbar ist.

Winter 2005

In einem alten Lagerraum unter der Berliner Stadtbahn, am Ende einer Tiefgarage, hat Thom Kastning sein Studio, hat die Band Kate Mosh ihren Proberaum. Wir nehmen das zweite Album auf, legen letzte Gitarrenspuren über „Forever and Ever Amend“, Thom an der Konsole im Vorraum, ich direkt vor der Box im Aufnahmeraum. Das Ein-Akkord-Crescendo, das Thoms Gesang über eine kraftvolle Minute ins Finale begleiten wird, ist bereits im Rechner, nun noch eine sehr sanfte Zupfspur, vier Noten, sechs Töne, immer wieder im Loop. Mittendrin, ganz allein im Raum, den Krach des Instrumentals in meinen Ohren, meine eigenen leisen Töne an den Fingern, überkommt mich eine erlösende Leichtigkeit, ein Schweben zwischen Begeisterung, Erschöpfung, Erfüllung, Gemeinschaftsgefühl. Das hier, dieser Augenblick, das ist das Beste, das es gibt. Das ist, was ich immer fühlen will, immer machen will, immer machen werde.


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